Wolgang Masenthe hatte an alles gedacht. Alles war so gut vorbereitet. Über einen Kontaktmann war sogar die West-Berliner Polizei informiert, die am 12. Mai 1963 auf der Westseite der von dem DDR-Regime am 13. August 1961 errichteten Berliner Mauer sicherstellen sollte, dass keine unschuldigen Passanten bei ihrem spektakulären Fluchtversuch mit einem BVG-Reisebus verletzt würden.
Der damals 19-Jährige arbeitete in einem Busdepot der Berliner Verkehrsgesellschaft im damals zu Ost-Berlin gehörenden Stadtteil Treptow. Schon im April 1963 wollten Masenthe und sein Vorarbeiter Gerd K. die mörderische Grenze des SED-Regimes überwinden, indem sie sich aus der Betriebskantine des Busdepots abseilen und durch den Flutgraben schwimmen. Doch im letzten Moment verwarfen sie den Plan ihrer Flucht in die Freiheit.
Stattdessen organisieren sie einen Reisebus, von dem sie annehmen, er würde die Barrieren an der Mauer überwinden können. Am Vormittag des 12. Mai 1963, es war ein Sonntag, war es dann schließlich so weit. Mit einem BVG-Reisebus, den Masenthe und seine Freunde präpariert hatten, fuhren sie von der Scharnhorststraße auf den Grenzübergang Invalidenstraße zu.
Den DDR-Grenzern, die die Befehle des Unrechtsstaates ausführen, ist das Leben der acht Menschen, drei in der Fahrerkabine und fünf Menschen auf den Passagiersitzen, im Bus wohl egal. Mit 138 Schüssen nehmen die DDR-Grenzer an diesem Sonntag den Tod von acht Menschen billigend in Kauf. Nur durch Glück stirbt dort an diesem Tag niemand – bis auf die Hoffnung auf Freiheit.
Nur einen Meter vor West-Berliner Gebiet kommt der Bus zum stehen. Die schwer verletzten Menschen werden von DDR-Grenztruppen und Volkspolizei abgeführt. Wolgang Masenthe muss trotz seiner schweren Verletzungen mehrere hundert Meter zürücklaufen – seine Bewacher bedrohen ihn stets dabei mit ihren Kalaschnikovs.
Das SED-Regime in Ost-Berlin feiert zehn Monate später einen „Triumph der Unmenschlichkeit“, wie es die Berliner Morgenpost damals formulierte, indem es Wolfgang Masenthe zu 9 Jahren und seinen Freund Gerd K. zu zehn Jahren Gefängnis in einem Schauprozess aburteilt.
Wolgang Masenthe wurde nach zwei Jahren aus dem politischen Kerker von der Bundesrepublik Deutschland freigekauft. Aber er blieb in der DDR bei seinen Eltern. Denn Masenthe wollte sie nicht in Stich lassen.
Berliner Zeitung: Ein Meter fehlte bis zur Freiheit